TESE steht für testikuläre Spermienextraktion — die operative Gewinnung von Spermien direkt aus dem Hodengewebe. Der Eingriff ist die letzte Chance für Männer mit Azoospermie (kein Spermiennachweis im Ejakulat), doch eigene Kinder zu bekommen.

Ich führe pro Jahr etwa 80–100 TESE- und Mikro-TESE-Eingriffe durch. Die Erfolgsquoten sind gut — wenn die Indikation stimmt.

Wann ist TESE nötig?

TESE kommt bei zwei Formen der Azoospermie in Frage:

Obstruktive Azoospermie (OA): Die Spermienproduktion im Hoden funktioniert, aber der Transportweg ist blockiert — zum Beispiel nach einer Vasektomie, bei fehlenden Samenleitern (CBAVD) oder nach Infektionen. Hier ist die Erfolgsrate fast 100%.

Non-obstruktive Azoospermie (NOA): Die Spermienproduktion im Hoden ist gestört. Die Ursachen sind vielfältig: genetisch (Klinefelter-Syndrom, Y-Chromosom-Mikrodeletionen), nach Krebstherapie, bei Hodenhochstand oder idiopathisch (unbekannte Ursache). Hier liegt die Erfolgsrate bei 40–60%.

TESE vs. Mikro-TESE

Merkmal Konventionelle TESE Mikro-TESE
Verfahren Mehrere Gewebeproben blind entnommen Gezieltes Aufsuchen unter OP-Mikroskop
Narkose Vollnarkose oder Lokalanästhesie Immer Vollnarkose
Dauer 20–30 Minuten 60–120 Minuten
Gewebeschaden Moderat (mehr Gewebe entfernt) Minimal (gezielt einzelne Tubuli)
Erfolgsrate bei NOA 30–45% 50–60%
Geeignet für OA, leichte NOA Schwere NOA, Klinefelter
Kosten 1.500–2.500 € 2.500–4.000 €

Meine klare Empfehlung bei non-obstruktiver Azoospermie: Mikro-TESE. Der Eingriff dauert zwar länger, aber die Spermien-Findungsrate ist 15–20% höher, und es wird weniger Hodengewebe geschädigt.

Moderner OP-Saal für Mikro-TESE mit Operationsmikroskop

Ablauf einer Mikro-TESE

Vorbereitung (4–8 Wochen vorher):

  • Spermiogramm zur Bestätigung der Azoospermie
  • Hormonstatus (FSH, LH, Testosteron)
  • Genetische Beratung (Karyotyp, Y-Mikrodeletionen)
  • Bei NOA: hormonelle Vorbehandlung mit HCG/FSH erwägen (kann Spermienproduktion stimulieren)

OP-Tag:

  1. Vollnarkose
  2. Kleiner Schnitt am Hodensack (2–3 cm)
  3. Hoden wird eröffnet und unter dem OP-Mikroskop (25-fache Vergrößerung) systematisch durchsucht
  4. Verdickte, opake Tubuli werden gezielt entnommen — dort ist die Wahrscheinlichkeit für Spermien am höchsten
  5. Sofortige Untersuchung durch den Embryologen im Neben-Labor
  6. Falls Spermien gefunden: Einfrieren (Kryokonservierung) für spätere ICSI
  7. Wundverschluss und Druckverband

Nach dem Eingriff:

  • 2–3 Tage körperliche Schonung
  • Kühlung und Hochlagern des Hodens
  • Sport erst nach 2 Wochen
  • Sexuelle Abstinenz für 3–4 Wochen
  • Fadenzug nach 10 Tagen

Kosten im DACH-Raum

Land TESE Mikro-TESE Krankenkasse
Deutschland 1.500–2.500 € 2.500–4.000 € GKV übernimmt bei med. Indikation, Zuzahlung variiert
Österreich 1.200–2.000 € 2.000–3.500 € IVF-Fonds deckt TESE im Rahmen der IVF-Behandlung
Schweiz 2.500–4.000 CHF 4.000–6.000 CHF Grundversicherung deckt Diagnostik, nicht Reproduktion

In Deutschland übernimmt die gesetzliche Krankenkasse die TESE-Kosten meistens — allerdings nur die Gewinnung, nicht die anschließende IVF/ICSI-Behandlung. Die Kostenübernahme für ICSI folgt den üblichen Regeln (50% für 3 Zyklen).

Erfolgsraten und Prognose

Die Spermien-Findungsrate hängt stark von der Ursache ab:

Diagnose Spermien gefunden Schwangerschaftsrate (ICSI)
Obstruktive Azoospermie 95–100% 40–50% pro ICSI-Zyklus
NOA — Sertoli-Cell-Only (partiell) 40–50% 30–40% pro ICSI-Zyklus
NOA — Maturationsstopp 50–60% 35–45% pro ICSI-Zyklus
Klinefelter-Syndrom 40–50% 30–40% pro ICSI-Zyklus
Y-Mikrodeletion (AZFc) 50–70% 30–40% pro ICSI-Zyklus
Y-Mikrodeletion (AZFa/b) 0–5% TESE nicht empfohlen

Wenn bei der Mikro-TESE Spermien gefunden werden, sind die ICSI-Erfolgsraten ähnlich wie bei frischem Ejakulat. Das ist eine gute Nachricht.

Wenn keine Spermien gefunden werden, gibt es leider wenige Alternativen. Eine Wiederholung der Mikro-TESE nach 6–12 Monaten kann in 10–15% der Fälle doch noch Spermien finden — vor allem, wenn vorab eine Hormontherapie durchgeführt wird.

Risiken

TESE ist ein chirurgischer Eingriff mit überschaubaren Risiken:

  • Schwellung und Hämatom (häufig, klingt nach 1–2 Wochen ab)
  • Schmerzen (1–3 Tage, gut behandelbar mit Ibuprofen)
  • Infektion (selten, unter 2%)
  • Testosteronabfall (vorübergehend bei ausgedehnter Gewebsentnahme, erholt sich meist innerhalb von 3–6 Monaten)
  • Dauerhafter Hodenschaden (sehr selten bei Mikro-TESE, häufiger bei konventioneller TESE)

Häufige Fragen

Tut die TESE weh?

Der Eingriff selbst ist schmerzfrei (Vollnarkose). Danach hast du 2–3 Tage lang ein Druckgefühl und leichte Schmerzen im Hodensack. Die meisten Patienten brauchen 2–3 Tage Schmerzmittel (Ibuprofen). Nach einer Woche bist du wieder arbeitsfähig (Bürotätigkeit).

Kann man TESE wiederholen?

Ja. Eine zweite Mikro-TESE ist nach 6–12 Monaten möglich. Bei 10–15% der Männer, bei denen beim ersten Mal keine Spermien gefunden wurden, klappt es beim zweiten Versuch — vor allem nach hormoneller Vorbehandlung.

Was kostet Mikro-TESE mit ICSI zusammen?

Rechne mit 7.000–11.000 Euro für das Gesamtpaket: Mikro-TESE (2.500–4.000 Euro) plus ICSI (4.500–6.500 Euro). Dazu kommen Kryokonservierung (300–500 Euro pro Jahr) und eventuelle Medikamentenkosten. Vergleiche Kliniken auf Fertilio.

Brauche ich eine genetische Beratung vor der TESE?

Ja — unbedingt. Ich schicke jeden Patienten mit Azoospermie zum Humangenetiker. Ein Karyotyp und die Y-Mikrodeletionsanalyse sind Pflicht. Bei AZFa- oder AZFb-Deletionen rate ich von der TESE ab, weil die Erfolgsrate praktisch bei null liegt. Das spart Geld, Schmerzen und falsche Hoffnungen.

Wie werden die gewonnenen Spermien verwendet?

Die Spermien werden kryokonserviert (eingefroren) und bei einer späteren ICSI-Behandlung verwendet. Pro gewonnenem Spermium wird eine Eizelle direkt injiziert. Bei obstruktiver Azoospermie reicht oft eine TESE für mehrere ICSI-Zyklen. Bei NOA ist die gewonnene Menge manchmal knapper — dann wird alles auf einmal für einen ICSI-Zyklus eingesetzt.

DmMB

Über den Autor

Dr. med. Markus Berger

Facharzt für Andrologie und Urologie

Dr. Markus Berger ist Facharzt für Urologie mit dem Schwerpunkt Andrologie. Er hat sich auf die Diagnostik und Behandlung männlicher Fruchtbarkeitsstörungen spezialisiert und führt regelmäßig Mikro-TESE-Operationen durch.