Vor zehn Jahren kamen fast ausschließlich heterosexuelle Paare mit männlicher Unfruchtbarkeit in meine Sprechstunde, wenn es um Spendersamen ging. Heute sieht das anders aus. Alleinstehende Frauen, lesbische Paare, Paare nach gescheiterter TESE — die Gründe für eine Samenspende sind vielfältig geworden. Und das ist gut so.

Ich bin Fachärztin für Reproduktionsmedizin und begleite seit über 14 Jahren Paare und Singlefrauen auf dem Weg zum Wunschkind mit Spendersamen. In diesem Artikel erkläre ich dir den gesamten Ablauf: von der Auswahl der Samenbank bis zur Behandlung. Mit konkreten Zahlen, ohne Drumherumreden.

Was ist eine Samenspende?

Bei einer Samenspende stellt ein gesunder Mann seine Samenzellen zur Verfügung, damit eine andere Person oder ein Paar damit ein Kind zeugen kann. Der Spender wird von einer zertifizierten Samenbank rekrutiert, getestet und registriert.

Die Samenprobe wird aufbereitet, kryokonserviert und in sogenannten Straws (Halmen) gelagert. Pro Straw befinden sich je nach Bank zwischen 5 und 20 Millionen motile Spermien. Diese Straws werden dann an die behandelnde Klinik geliefert und dort für die Befruchtung eingesetzt — entweder per IUI oder IVF.

Wichtig: In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist die Samenspende legal. Es gibt klare gesetzliche Rahmenbedingungen, die sowohl den Spender als auch die Empfängerin schützen.

Für wen kommt eine Samenspende in Frage?

In meiner Klinik behandle ich drei Hauptgruppen:

Paare mit männlicher Infertilität. Wenn beim Partner eine Azoospermie (keine Spermien im Ejakulat) vorliegt und auch eine TESE-Operation keinen Erfolg gebracht hat. Oder bei schwerer Oligozoospermie, die trotz ICSI zu keiner Schwangerschaft führt.

Alleinstehende Frauen mit Kinderwunsch. In Deutschland behandeln inzwischen über 60 % der Kinderwunschzentren Singlefrauen mit Spendersamen. Die rechtliche Lage ist seit 2018 deutlich klarer geworden. In Österreich ist die Behandlung von Singlefrauen seit 2015 erlaubt, in der Schweiz allerdings nur für verheiratete oder in eingetragener Partnerschaft lebende Paare.

Lesbische Paare. In allen drei DACH-Ländern haben lesbische Paare grundsätzlich Zugang zur Samenspende. Die genauen Voraussetzungen unterscheiden sich — dazu mehr im Abschnitt Rechtslage.

Der Ablauf der Samenspende — Schritt für Schritt

1. Samenbank auswählen

In Deutschland gibt es aktuell rund 20 aktive Samenbanken. Die größten sind die Erlanger Samenbank, die Cryobank München und die European Sperm Bank (Kopenhagen, liefert nach DE/AT/CH). Du kannst entweder eine deutsche Bank wählen oder eine europäische, die nach Deutschland liefert.

Worauf du achten solltest:

  • Zertifizierung: Die Bank muss nach dem Gewebegesetz (TPG) zugelassen sein.
  • Spenderpool: Größere Banken bieten 50–200+ aktive Spender. Je größer der Pool, desto besser die Auswahlmöglichkeiten.
  • Profiltiefe: Manche Banken stellen Kinderfotos, Audioaufnahmen und handschriftliche Notizen der Spender bereit. Andere nur Basisdaten wie Größe, Augenfarbe, Blutgruppe.
  • Lieferung: Die meisten Banken liefern direkt an deine Kinderwunschklinik. Kosten für den Versand liegen bei 100–250 €.

Auf unserer Samenbanken-Übersicht findest du einen Vergleich der wichtigsten Anbieter im DACH-Raum.

Kryoprobe mit Barcode-Etikett über Stickstoffdampf in der Samenbank

2. Spender auswählen

Jeder Spender durchläuft ein mehrstufiges Screening: Spermiogramm, Infektionsserologie (HIV, Hepatitis B/C, Syphilis, CMV), genetische Tests (Karyotyp, CF-Trägerschaft) und eine psychologische Evaluation. Nur etwa 5–10 % aller Bewerber werden als Spender akzeptiert.

Du bekommst von der Samenbank ein anonymisiertes Profil. Typische Informationen:

  • Körperliche Merkmale (Größe, Gewicht, Haar- und Augenfarbe)
  • Bildungsgrad und Beruf
  • Hobbys und Interessen
  • Gesundheitsgeschichte der Familie
  • Bei manchen Banken: Kinderfoto, Stimme, Motivationsschreiben

Mein Rat: Wähle nicht nur nach Äußerlichkeiten. Die Gesundheitsgeschichte der Familie und der CMV-Status (wenn du CMV-negativ bist, nimm einen CMV-negativen Spender) sind medizinisch relevanter.

3. Behandlung — IUI oder IVF

Sobald der Spendersamen an die Klinik geliefert ist, gibt es zwei Wege:

Intrauterine Insemination (IUI): Der aufgetaute Spendersamen wird direkt in die Gebärmutter eingebracht. Zeitpunkt ist um den Eisprung herum — entweder im natürlichen Zyklus oder leicht stimuliert. Die Erfolgsrate pro Zyklus liegt bei 10–18 %. Die meisten Frauen unter 35 brauchen drei bis sechs Zyklen.

In-vitro-Fertilisation (IVF): Wenn die IUI nicht klappt oder medizinische Gründe dafür sprechen (z. B. Eileiterproblem, Endometriose, Alter über 38), empfehle ich eine IVF. Hier werden deine Eizellen nach hormoneller Stimulation entnommen und im Labor mit dem Spendersamen befruchtet. Erfolgsrate pro Zyklus: 35–50 % bei Frauen unter 35.

In meiner Klinik starten wir bei Singlefrauen unter 35 ohne weitere Diagnosen fast immer mit IUI. Das ist weniger invasiv, günstiger und in vielen Fällen ausreichend.

Spenderprofil-Unterlagen auf Schreibtisch bei der Auswahl

Samenspende Kosten im DACH-Vergleich

Die Kosten für Spendersamen werden in keinem DACH-Land von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen. Bei heterosexuellen Ehepaaren übernehmen manche Kassen anteilig die Behandlungskosten (IUI/IVF), nicht aber den Samenpreis selbst. Singlefrauen und lesbische Paare zahlen in der Regel alles privat.

Kostenpunkt Deutschland Österreich Schweiz
Spendersamen (pro Straw) 500–800 € 450–750 € 600–900 CHF
IUI-Behandlung (pro Zyklus) 300–600 € 250–500 € 500–800 CHF
IVF-Behandlung (pro Zyklus) 3.000–5.000 € 2.500–4.500 € 5.000–8.000 CHF
Versandkosten Samenbank 100–250 € 100–250 € 150–300 CHF
Lagerung Reservestraws (pro Jahr) 200–400 € 180–350 € 250–450 CHF

Rechenbeispiel Deutschland: Drei IUI-Zyklen mit Spendersamen kosten dich insgesamt ca. 2.400–4.200 €. Ein IVF-Zyklus mit Spendersamen liegt bei 3.500–5.800 €. Dazu kommen noch die Medikamentenkosten bei IVF (1.000–2.000 €).

Mein Tipp: Bestelle direkt zwei bis drei Straws vom selben Spender. So hast du Reserveportionen für Folgezyklen und musst nicht fürchten, dass dein Wunschspender vergriffen ist. Manche Banken bieten auch ein sogenanntes Geschwisterkind-Reservierungsprogramm an.

Rechtslage — Deutschland, Österreich, Schweiz

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen unterscheiden sich im DACH-Raum erheblich. Hier die drei wichtigsten Punkte pro Land:

Deutschland

Seit dem Samenspenderregistergesetz (SaRegG) von 2018 hat jedes mit Spendersamen gezeugte Kind ab dem 16. Lebensjahr das Recht, die Identität des Spenders zu erfahren. Die Daten werden zentral beim DIMDI (jetzt BfArM) gespeichert — für 110 Jahre. Der Spender hat keinerlei Unterhaltspflichten und kein Sorgerecht. Bei verheirateten heterosexuellen Paaren wird der Ehemann automatisch als Vater eingetragen. Bei Singlefrauen und lesbischen Paaren ist seit der Reform des Abstammungsrechts die Stiefkindadoption oft noch nötig — eine Reform ist in Arbeit, aber noch nicht beschlossen.

Österreich

Das Fortpflanzungsmedizingesetz (FMedG) erlaubt Samenspenden für Ehepaare, Lebensgemeinschaften und Singlefrauen. Auch lesbische Paare haben Zugang. Das Kind hat ab 14 Jahren Auskunftsrecht über die Identität des Spenders. Eizellenspende ist in Österreich ebenfalls erlaubt — ein Vorteil gegenüber Deutschland.

Schweiz

In der Schweiz ist die Samenspende nur für verheiratete heterosexuelle Paare und seit Juli 2022 auch für gleichgeschlechtliche Ehepaare zugelassen. Singlefrauen haben keinen legalen Zugang — viele weichen auf Kliniken in Deutschland, Spanien oder Dänemark aus. Kinder haben ab 18 Jahren Auskunftsrecht. Die Daten werden beim Eidgenössischen Amt für das Zivilstandswesen gespeichert.

Regelung Deutschland Österreich Schweiz
Singlefrauen erlaubt Ja (Klinik-abhängig) Ja Nein
Lesbische Paare erlaubt Ja Ja Ja (seit 2022, nur Ehe)
Auskunftsrecht Kind Ab 16 Jahren Ab 14 Jahren Ab 18 Jahren
Zentrale Spenderdaten BfArM (110 Jahre) Landesregierung Eidg. Amt
Eizellenspende erlaubt Nein Ja Nein

Emotionale Aspekte — worüber kaum jemand spricht

Ich sage meinen Patientinnen immer: Die medizinische Seite der Samenspende ist der einfache Teil. Die emotionale Verarbeitung braucht oft mehr Zeit als die Behandlung selbst.

Für Paare mit männlicher Infertilität ist der Schritt zur Samenspende ein Trauerprozess. Dein Partner muss akzeptieren, dass das Kind nicht sein genetisches Kind sein wird. Das braucht Zeit und oft professionelle Begleitung. Ich empfehle meinen Paaren mindestens drei bis fünf Sitzungen bei einem auf Reproduktionsmedizin spezialisierten Therapeuten, bevor sie sich festlegen.

Für Singlefrauen ist die größte Herausforderung oft nicht die eigene Entscheidung, sondern die Reaktion des Umfelds. Die Fragen von Familie und Freunden. Ich habe Patientinnen erlebt, die das Thema komplett geheim halten — und andere, die von Tag eins offen damit umgehen. Beides kann funktionieren. Aber Offenheit macht langfristig vieles leichter, besonders gegenüber dem Kind.

Für alle: Plant früh, wie ihr eurem Kind von seiner Entstehungsgeschichte erzählt. Die Forschung ist eindeutig — Kinder, die früh (im Vorschulalter) erfahren, dass sie mit Spendersamen gezeugt wurden, verarbeiten diese Information deutlich besser als Kinder, die es erst als Teenager erfahren. Es gibt mittlerweile hervorragende Kinderbücher, die dabei helfen.

Du bist dir unsicher, ob eine Samenspende der richtige Weg für dich ist? Unser Online-Berater hilft dir in wenigen Minuten, deine Optionen einzuschätzen — anonym und kostenlos.

Häufige Fragen

Wie lange dauert der gesamte Prozess von der Entscheidung bis zur Behandlung?

Rechne mit vier bis acht Wochen. In der ersten Woche meldest du dich bei einer Samenbank an und wählst einen Spender. Die Bank braucht dann ein bis zwei Wochen für den Versand an deine Klinik. Parallel läufst du die Voruntersuchungen in der Kinderwunschklinik (Blutbild, Ultraschall, Infektionsserologie). Ab Zyklusbeginn kann die erste IUI sofort starten — bei IVF dauert die Stimulationsphase zusätzlich 10–14 Tage.

Kann ich mir den Spender persönlich aussuchen oder treffen?

Nein. In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist die Spende immer pseudonymisiert. Du bekommst ein detailliertes Profil, aber keinen direkten Kontakt. Das Kind kann ab dem gesetzlich festgelegten Alter (DE: 16, AT: 14, CH: 18) die Identität des Spenders erfragen. Manche Samenbanken bieten sogenannte Open-ID-Spender an, die sich bereit erklärt haben, zu einem späteren Zeitpunkt Kontakt mit dem Kind aufzunehmen.

Übernimmt die Krankenkasse irgendwelche Kosten?

Bei heterosexuellen Ehepaaren mit nachgewiesener männlicher Infertilität übernehmen gesetzliche Krankenkassen in Deutschland teilweise die Behandlungskosten für IUI oder IVF — aber nicht den Spendersamen selbst. Die Kostenübernahme ist auf drei IUI- oder drei IVF-Zyklen begrenzt und an Altersgrenzen gebunden (Frau 25–40, Mann 25–50 Jahre). Singlefrauen und lesbische Paare erhalten in der Regel keine Kassenleistung. Private Krankenversicherungen handhaben es unterschiedlich — ein vorheriger Antrag lohnt sich.

Was passiert, wenn der Spendersamen nicht zur Schwangerschaft führt?

Nach drei bis sechs erfolglosen IUI-Zyklen empfehle ich den Wechsel auf IVF. Die Erfolgsraten sind mit Spendersamen bei IVF sehr gut, weil die Samenqualität durch das Screening der Samenbank überdurchschnittlich hoch ist. Wenn auch nach zwei IVF-Zyklen keine Schwangerschaft eintritt, schaue ich mir die Situation erneut genau an: Gibt es unerkannte Faktoren auf deiner Seite? Stimmt die Eizellqualität? In seltenen Fällen rate ich dann zu einem Spenderwechsel, weil nicht jede Spender-Empfängerin-Kombination gleich gut funktioniert.

Welche Rechte und Pflichten hat der Samenspender?

Keine. In Deutschland stellt das Samenspenderregistergesetz klar: Der Spender hat weder Unterhaltspflichten noch Sorge- oder Umgangsrecht. Er kann vom Kind kontaktiert werden, wenn dieses das möchte — aber er muss keine Vaterrolle übernehmen. In Österreich und der Schweiz gilt dasselbe Prinzip. Diese rechtliche Klarheit ist übrigens einer der Gründe, warum ich Paaren dringend empfehle, die Behandlung über eine offizielle Samenbank und Klinik zu machen — und nicht auf private Spender zurückzugreifen. Bei privaten Arrangements ist die Rechtslage deutlich unsicherer.

DmLS

Über den Autor

Dr. med. Laura Seidel

Fachärztin für Reproduktionsmedizin

Dr. Laura Seidel ist Fachärztin für Gynäkologie und Reproduktionsmedizin mit über 12 Jahren Erfahrung in der Kinderwunschbehandlung. Sie hat an der Charité Berlin promoviert und in führenden IVF-Zentren in Deutschland und Österreich gearbeitet.