Präimplantationsdiagnostik — kurz PGT — ist die genetische Untersuchung von Embryonen vor dem Transfer in die Gebärmutter. Ziel: Nur Embryonen ohne Chromosomenstörungen oder bekannte Erbkrankheiten einsetzen.

In meiner täglichen Arbeit als Humangenetiker koordiniere ich PGT-Untersuchungen für mehrere IVF-Zentren. Die Nachfrage steigt — vor allem bei Frauen über 38 und bei Paaren mit bekannten genetischen Risiken.

Die drei Typen von PGT

PGT ist ein Oberbegriff. Je nach Fragestellung gibt es drei Varianten:

Typ Fragestellung Typische Zielgruppe
PGT-A (Aneuploidie-Screening) Stimmt die Chromosomenzahl? Frauen über 37, wiederholte Fehlgeburten, mehrfaches IVF-Versagen
PGT-M (Monogene Erkrankungen) Trägt der Embryo eine bekannte Erbkrankheit? Paare mit Mukoviszidose, Sichelzellanämie, Huntington etc.
PGT-SR (Strukturelle Rearrangements) Liegen strukturelle Chromosomenveränderungen vor? Träger von Translokationen oder Inversionen

PGT-A ist der häufigste Typ. In Deutschland werden pro Jahr schätzungsweise 3.000–4.000 PGT-A-Untersuchungen durchgeführt.

Wie läuft PGT ab?

Der Ablauf ist in jeden IVF-Zyklus integriert:

Tag 1–12: Hormonelle Stimulation und Eizellentnahme — ganz normaler IVF/ICSI-Ablauf.

Tag 5–6: Trophektodermbiopsie — Die Embryologen entnehmen 5–10 Zellen aus der äußeren Zellschicht (Trophektoderm) des Blastozysten. Der Embryo selbst (innere Zellmasse) wird dabei nicht berührt.

Einfrieren: Alle biopsierten Embryonen werden vitrifiziert (schockgefroren). Der Transfer erfolgt erst im nächsten Zyklus, nachdem die Ergebnisse vorliegen.

Genetische Analyse (7–14 Tage): Die entnommenen Zellen werden im Genetiklabor analysiert. Bei PGT-A per Next-Generation-Sequencing (NGS), bei PGT-M per maßgeschneidertem Gentest.

Ergebnis: Jeder Embryo bekommt einen Status — euploid (chromosomal unauffällig), aneuploid (auffällig) oder mosaik (gemischtes Ergebnis).

Transfer: Nur euploide Embryonen werden transferiert. Aneuploide Embryonen werden verworfen. Bei Mosaik-Embryonen ist die Entscheidung individuell — ich bespreche jeden Fall persönlich mit dem Paar.

Reagenzgläser für genetische Analyse im PGT-Labor

Was bringt PGT-A?

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache:

Kennzahl Ohne PGT-A Mit PGT-A
Einnistungsrate pro Transfer 30–35% 50–65%
Fehlgeburtsrate 15–25% 5–10%
Zeit bis zur Schwangerschaft 2–3 Transfers 1–2 Transfers

Besonders bei Frauen über 38 ist der Effekt deutlich. Der Haken: Nicht jeder Zyklus liefert einen euploiden Embryo. Bei einer 42-Jährigen sind nur 20–25% der Embryonen chromosomal unauffällig. Manchmal braucht es zwei oder drei Stimulationszyklen, bis ein transferfähiger Embryo vorliegt.

Ich sage meinen Patienten: PGT-A erhöht nicht die Gesamterfolgsrate pro Stimulationszyklus — aber es erhöht massiv die Erfolgsrate pro Transfer. Weniger Fehlgeburten, weniger erfolglose Transfers, schneller zum Ziel.

Moderne Laborgeräte für Präimplantationsdiagnostik

Kosten

PGT ist keine Kassenleistung. Die Kosten trägst du komplett selbst:

Leistung Kosten
Biopsie (pro Embryo) 300–500 €
Genetische Analyse PGT-A (pro Embryo) 300–600 €
Genetische Analyse PGT-M (einmalige Testentwicklung) 2.000–4.000 €
PGT-M pro Embryo (nach Testentwicklung) 400–800 €
Kryokonservierung (Pflicht bei PGT) 300–500 €
Gesamt PGT-A (bei 4 Embryonen) 2.500–4.500 €

Dazu kommen die regulären IVF/ICSI-Kosten von 3.500–6.500 Euro. Ein IVF-Zyklus mit PGT-A kostet also insgesamt 6.000–11.000 Euro.

Rechtslage im DACH-Raum

Deutschland

PGT-A ist seit 2011 unter strengen Auflagen erlaubt. Das Embryonenschutzgesetz (ESchG) verbietet eine allgemeine Selektion, erlaubt aber PGT bei:

  • Hohem Risiko für schwere Erbkrankheiten (PGT-M)
  • Bekannten Chromosomenanomalien bei einem Elternteil (PGT-SR)

PGT-A (Aneuploidie-Screening) befindet sich in einer rechtlichen Grauzone. Viele Zentren bieten es an, die Rechtsprechung ist uneinheitlich. Jede PGT-Untersuchung muss von einer Ethikkommission genehmigt werden.

Österreich

In Österreich ist PGT seit dem Fortpflanzungsmedizingesetz 2015 erlaubt — auch PGT-A. Die Regulierung ist liberaler als in Deutschland. Keine Ethikkommission nötig, aber nur an zugelassenen Zentren.

Schweiz

In der Schweiz ist PGT seit 2017 erlaubt. PGT-A und PGT-M sind beide legal. Die Kosten werden nicht von der Grundversicherung übernommen.

Für wen ist PGT sinnvoll?

Ich empfehle PGT-A in folgenden Situationen:

  • Alter über 37–38: Die Chromosomenfehlerrate steigt ab diesem Alter stark an
  • Wiederholte Fehlgeburten (≥ 2): In 50–60% der Fälle liegen Chromosomenstörungen vor
  • Mehrfaches IVF-Versagen (≥ 2 erfolglose Transfers): PGT-A kann die Ursache aufdecken
  • Bekannte Translokation bei einem Partner: Hier ist PGT-SR fast Pflicht

Ich empfehle PGT-A nicht bei:

  • Frauen unter 35 mit erstem IVF-Versuch: Die Chromosomenfehlerrate ist noch niedrig
  • Sehr wenigen Embryonen (1–2): Die Biopsie reduziert die Zellmasse, und das Risiko-Nutzen-Verhältnis verschiebt sich

Häufige Fragen

Schadet die Biopsie dem Embryo?

Die Trophektodermbiopsie gilt als sicher. Studien zeigen keine erhöhte Fehlbildungsrate bei Kindern nach PGT. Aber: Jede Biopsie ist ein Eingriff in den Embryo. In seltenen Fällen (unter 1%) übersteht ein Embryo die Biopsie nicht. Mehr zu PGT auf unserer Übersichtsseite.

Wie genau ist PGT-A?

Die Genauigkeit liegt bei 95–98%. Falsch-positive Ergebnisse (Embryo wird als auffällig eingestuft, ist aber gesund) kommen in 2–5% der Fälle vor. Deshalb spreche ich mit Paaren immer über Mosaik-Embryonen — sie sind nicht automatisch untransferierbar.

Wie lange dauert es, bis die Ergebnisse vorliegen?

7–14 Tage für PGT-A, 3–4 Wochen für PGT-M (beim ersten Mal länger wegen Testentwicklung). In dieser Zeit bleiben die Embryonen eingefroren.

Übernimmt die Krankenkasse PGT-Kosten?

In Deutschland: nein. PGT ist eine reine Selbstzahlerleistung. In Österreich und der Schweiz ebenfalls keine Kassenleistung. Manche private Versicherungen erstatten die Kosten — prüfe deinen Vertrag. Nutz unseren Berater, um die passende Klinik zu finden.

Was passiert mit auffälligen Embryonen?

Aneuploide Embryonen werden nicht transferiert. In der Regel werden sie verworfen oder — falls das Paar zustimmt — der Forschung zur Verfügung gestellt. Das ist eine emotionale Entscheidung, die ich immer in einem persönlichen Gespräch bespreche.

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Über den Autor

Dr. rer. nat. Thomas Winkler

Facharzt für Humangenetik

Dr. Thomas Winkler ist Facharzt für Humangenetik mit dem Schwerpunkt Reproduktionsgenetik. Er berät Paare zu genetischen Risiken und koordiniert PGT-Untersuchungen an mehreren IVF-Zentren im DACH-Raum.